Wer als Blogger schon länger dabei ist, kennt es: Dreiste Kooperationsanfragen, miese Tricks der Marken und unfaire Bedingungen sind für Influencer mittlerweile mehr die Regel als eine Ausnahme. In Facebook-Gruppen findet man immer wieder heißdiskutierte Beiträge, in welchen Blogger über die Unternehmen oder auch Agenturen beklagen. Manche dieser Influencer lassen ihren Frust auf dem eigenen Blog ab – in der Hoffnung, es würde sich etwas ändern. Auch ich veröffentlichte letztes Jahr den Beitrag „Blogger-Kooperationen: 5 fiese Tricks der Unternehmen„, der mittlerweile zu meinen meist gelesenen Blogartikeln zählt. Über was aber selten geschrieben und gepostet wird, ist die andere Seite. Die Seite des Unternehmens, die Seite der Agentur und besonders die Seite der Kontaktperson, die diese Kooperationsanfrage in Auftrag per Mail verschickt. Wir als Blogger vergessen oft, dass diese „unfairen Bedingungen“ womöglich einfach nur vom Kunden stammen und der Blogger-Relations-Kontaktperson schlichtweg die Hände gebunden sind. Daher hatte ich die Idee, die wunderbare Andrea Alton, die in einer Agentur als PR-Beraterin tätig ist und genau auf dieser sogenannten Seite sitzt, zu interviewen.

Gastartikel

Vorweg – ich bin ein echter Fan vom Influencer Marketing. Was mich daran so begeistert? Ich finde es super, wenn sich jemand an die Selbstverwirklichung wagt und an seinem eigenen Projekt arbeitet. Influencer verändern unsere Sicht auf die Werbung, Empfehlungsmarketing erhält dadurch ein komplett neues Gesicht.

Dank dieser persönlichen Begeisterung habe ich zu vielen Influencern einen sehr guten Draht. Ich empfinde Kooperationen deshalb immer als inspirierend und arbeite wirklich gerne mit diesen jungen Meinungsmachern zusammen.

Doch trotz aller Passion treffe aber auch ich immer einmal wieder auf – nennen wir sie einmal unprofessionelle „Wanna-Be-Influencer“ – die leider ein sehr schlechtes Bild auf diese spannende Branche werfen und damit den Zweiflern fruchtbaren Boden liefern. Die Influencer-No-Go‘s bzw. die skurrilsten Erlebnisse möchte ich deshalb gerne mit Euch teilen. Achtung, das Barometer geht von witzig über unerfahren bis hin zu dreist 😉

DIE UNMÖGLICHSTEN INFLUENCER NO-GO’s:
EINE PR-DAME ERZÄHLT, WAS GAR NICHT GEHT!

1. „ICH MUSS JA SCHLIESSLICH MEINE MIETE BEZAHLEN“ ALS ARGUMENT FÜR EIN BESSERES BUDGET BENUTZEN

Dieser Satz fällt leider ständig. An ihm ist grundlegend auch nichts falsch, aber er wirkt wahnsinnig unerfahren. Ein Freelance-Businessberater würde seine Gage niemals mit seiner Miete rechtfertigen, dann würde ihn vermutlich niemand mehr buchen. Auch wenn ich mit meinem Chef über meinen Gehaltscheck spreche, ist meine Miete kein Argument. Er muss einen Grund haben, warum er mich besser bezahlen sollte: höhere Zielsetzungen, mehr Gebiete, die ich betreue, mehr Aufgaben, die ich übernehme usw. Genauso sollte auch ein Influencer erörtern, warum eine Marke für den Service mehr bezahlen sollte. Was macht ihn einzigartig, welche Besonderheiten gibt es nur bei ihm? Ob jemand unter der Brücke lebt oder im Fünf-Sterne-Hotel interessiert eine Marke leider nicht die Bohne, die herausragende Leistung aber schon.

2. EINFACH WAHLLOS AGENTUREN ODER MARKEN ANSCHREIBEN

Genauso wenig wie Influencer mit „Hallo Influencer“ angeschrieben werden möchten, möchten Agenturen mit einer Kooperationssammelmail kontaktiert werden. Lustig wird es dann, wenn jemand schreibt „ich finde eure Produkte so toll und auch meine Fans würden sie lieben“, Du zurückschreibst „Welche unserer Marken ist denn Dein Favorite?“ und Du merkst, dieser Mensch hat keine Ahnung, welche Marken Du betreust, er hat Dich einfach wahllos angeschrieben. Zum Mitschreiben: Influencer Marketing macht dann Sinn, wenn eine Marke tatsächlich einen Return on Investment hat. Und damit das passiert, muss ein Influencer tatsächlich Kooperationen auswählen, die zu seinen Fans passen. Alles andere hat eine kurze Lebensdauer.

Die beste Geschichte zu diesem Thema: ein männlicher Influencer hat mich bezüglich einer Frauenschuhmarke kontaktiert. Allein das war schon sehr komisch. Als ich mir dann sein Profil angeschaut habe, gab es da von Pizzakartons bis hin zu Glühbirnen eigentlich alles. Nur keinen Stil weit und breit. Und allem Anschein nach auch keinen Bedarf für Frauenschuhe. Der hatte keine Ahnung, welche Marke er da gerade kontaktiert hatte. Er ist einer der wenigen Influencer, der von mir eine wirklich bitterböse Mail bekommen hat.

3. FRECHES UND UNPROFESSIONELLES VERHALTEN AN DEN TAG LEGEN

Man möge es kaum glauben, aber manchmal habe ich das Gefühl, ein Grundschulkind am anderen Ende des Bildschirms sitzen zu haben, das trotzig ist, weil es kein Eis bekommen hat. Unfreundliche Antworten und beleidigtes Verhalten bei einer Absage sind leider keine Seltenheit. Ganz im Stil: „Warum bekommt die das und ich nicht? Das finde ich echt unfair.“ Kein Kommentar dazu.

Mein Paradebeispiel in der Hinsicht möchte ich aber gerne mit Euch teilen: eine Influencerin schrieb mich bezüglich einer Schuhmarke an. Ihr Profil passte im Großen und Ganzen nicht schlecht zum Kunden – was ich ihr auch in meiner Mail mitteilte – aber ich hatte leider keine Kapazitäten mehr. Der Kunde hatte mir ein Mengenlimit an Kooperationen gegeben und genau dieses Limit war am Tag vor ihrer Anfrage erreicht. Auch das hatte ich ihr in der Mail erklärt, mit dem Angebot, die nächste Saison abzuwarten, um dann zu kooperieren. Die Antwort: „Du musst mich nicht anlügen, Du kannst mit ruhig sagen, wenn Dir mein Profil nicht gefällt. Meine Freundin hat gestern auch noch Schuhe von Euch erhalten (auch diese Freundin steht nun auf meiner Blacklist), es liegt also auf der Hand, dass Du unehrlich bist!“ Das wollte ich natürlich nicht auf mir sitzen lassen und so erhielt sie noch einmal eine ausführliche Mail, in der ich die Situation Step by Step erklärte. Und ein Angebot, gerne noch einmal zu telefonieren. Nahm sie natürlich nicht an. Stattdessen erhielt ich noch einmal eine Aussage im Stile „Agenturen wie ihr seid so unprofessionell, ihr denkt wohl wir sind alle blöd.“ Ja, von dieser Dame denke ich tatsächlich, dass sie ziemlich blöd ist.

4. LÜGEN BEI STATISTIKEN

Unsere Kunden fragen bei Blog-Kooperationen oft nach Facts and Figures, also wie es so um die Klickzahlen einer Seite steht. Auf den Social Media ist das relativ leicht nachprüfbar (ja, jetzt schmunzelt ihr schon, keine Sorge, zu den Fake-Followern kommen wir auch noch), einer Website sieht man das leider nicht so schnell an. Also wird ein Mediakit angefordert. Im Mediakit wird, meiner Erfahrung nach, ganz gerne ein wenig geschummelt. Was mich wundert: WIE SEHR da geschummelt wird. Dank Tools wie Similarweb kann man sich ja einen ungefähren Überblick verschaffen, ob auf einer Seite der Papst boxt oder nicht. Klar, manchmal driften die Zahlen leicht auseinander, je nachdem welches Tool man einsetzt, aber wenn ein Blogger mir erzählt, er hätte pro Monat 100.000 Besucher, Similarweb mir aber „not enough data to calculate“ mitteilt, dann gibt es da ein Problem. Gute PR-Agenturen kennen diese Tools, da fliegt man ganz schnell auf. Ist streng genommen auch Betrug, der rein theoretisch strafrechtlich nachverfolgt werden könnte.

5. MIT FAKE FOLLOWERN, BOTS UND INSTAGRAM-GRUPPEN ARBEITEN

Ein derzeit heiß diskutiertes Thema, das viele Marken leider auch noch befeuern, indem sie PR-Agenturen die Guidelines geben, dass sie z.B. erst ab 70.000 Instagram-Followern an einer Kooperation interessiert sind. Natürlich verleitet das viele dazu, ein wenig in die Trickkiste zu greifen. Lasst Euch eines gesagt sein: wer ein kleines bisschen Ahnung hat, wie Social Media funktioniert, erkennt die schwarzen Schafe meist in zwei Sekunden. Ich habe darüber auch schon einmal einen Artikel geschrieben. Was die schwarzen Schafe oft rettet: eben diese Guidelines. Irgendwann hast Du es satt, dem Kunden zu erklären, warum die Anzahl der Follower nicht das Maß aller Dinge ist. Wenn er darauf besteht, mit Influencer A zusammenzuarbeiten, obwohl man ihm schon gesagt hat, dass da mit allergrößter Wahrscheinlichkeit nachgeholfen wurde, dann muss man passen. Der Kunde ist König. Aber in unserer Parade-Agentur werden Kunden auch erzogen – vermutlich passiert das auch in allen anderen Agenturen. Irgendwann hören die Kunden auf uns. Dann sind die schwarzen Schafe die allerersten, die aus dem Kader fliegen. Und mit denen möchte man dann auch für andere berufliche Zwecke absolut nichts mehr zu tun haben.

Die lustigste Story dazu: eine Influencerin hatte mich angeschrieben. Ihr Instagram-Account hatte einen recht ansehnlichen Feed, aber wenn man weiter runterscrollte, hatten die Fotos ganz plötzlich nicht mehr 1.500 Likes pro Bild, sondern nur noch 50. Das schrie nach Überprüfung. Ich sollte nicht enttäuscht werden. Influencerdb zeigte mir eine konstant flache Wachstumskurve, eher nach unten zeigend. Unterbrochen wurde sie von zwei Riesensprüngen, wo angeblich zweimal innerhalb einer Woche über 10.000 neue Fans dazugekommen sind. Also habe ich nachgefragt, wie das sein kann. Ihre Antwort: eine Freundin von mir war in den Wochen im Fernsehen und ich hatte zeitgleich ein Bild mit ihr auf meinem Account geteilt. Da folgten dann plötzlich alle auch mir. Ernsthaft?

Das klingt nun alles wahnsinnig negativ, aber summa summarum überwiegen natürlich eindeutig die positiven Erlebnisse in diesem spannenden Sektor. Genau deshalb zähle ich ihn auch zu meinen liebsten PR-Disziplinen und ich freue mich immer wieder, die erfolgreichen Resultate am Ende jeder Saison in einem schönen Kundenreport zusammenzufassen.

Andrea Alton

Andrea Alton arbeitet bereits seit einigen Jahren als PR-Managerin in einer Münchner Agentur. Auf ihrem Blog sieht sich die junge Frau aus Südtirol als PR-Coach und teilt unzählige Kommunikations- und PR-Tipps mit ihren Lesern. Mit ihren Tricks möchte sie Startups, Gründern und Selbstständigen unter die Arme greifen und ihnen helfen eigene PR zu machen, ohne dabei viel Geld auszugeben. Zudem veröffentlichte Andrea im Jahr 2016 ihren ersten Roman „Faste, schwitze, liebe“– eine Hommage an die kosmopolite Frau, der trotz mancher Anlaufschwierigkeiten alle Tore zur Selbstverwirklichung offen stehen. 

6 Comments
  1. Liebe Andrea, danke für den interessanten Artikel und deine Einblicke! Das Eine oder Andere habe ich bereits vermutet und es lässt mich doch immer wieder staunen wie die Leute in generell drauf sind… Liebe Grüße, Sandra

  2. Was für eine schöne Beitragsidee. Wir Bloggern meckern ja leider oft und gerne über die andere Seite. Aber welche Dinge ich auch schon von der anderen Seite gehört habe, ist echt unglaublich. Auch die obigen Beispiele sind unglaublich. Mit Professionalität hat das tatsächlich nichts zu tun.
    Allerdings muss ich sagen, dass ich den Satz „Wir haben gerade keine Kapazitäten“ leider auch schon so oft gehört habe, dass ich mir fast jedes Mal denke, „immerhin eine nett gemeinte Absage!“. Trotzdem würde es mir natürlich im Traum nicht einfallen, eine Antwort wie diese oben noch mal zu formulieren. Was denkt man sich nur dabei??
    Auf jeden Fall habe ich den Beitrag richtig gerne gelesen. Vielen Dank dafür!

  3. Halli Hallo,
    das ist ein super Post und sehr interessant.
    Ich selbst bin eher klein auf Instagram, da ich aber im Online Marketing arbeite, wollte ich mal schauen, wie leicht es denn wirklich ist, an Kooperation zu kommen.
    Doch bevor eine Kooperation ansteht, muss der Feed gepflegt werden, kontinuierliche gute Bilder gepostet werden. Mein Inneres Instagram-Auge sucht in jeder Situation nach gutem Licht und hat Instagram immer im Hinterkopf.
    Wahnsinn, wie viel Arbeit dahinter steckt.
    Ich selbst schreibe auch kleinere Firmen an, begründe meine Anfrage dann mit meinen Statistiken in einem selbst erstellten MediaKit.
    Ich würde nie darauf kommen, die Floskeln aus deinem Text zu verwenden. Wenn man eben nicht zur Marke passt, ist das doch kein Problem.

    Ich kann mir auch gut vorstellen auf der anderen Seite des Influener Marketings zu arbeiten, eben weil ich weiß, wie der Hase läuft

    Liebe Grüße,
    Jessi
    Blog: ICA|KGL Travel & Festival Stories https://icakgl.wordpress.com/
    Instagram: https://Instagram.com/jessicakgl/

  4. Vielleicht noch kurz rin Wort zu Similarweb. Wenn jemand sagt, er habe 100.000 UV und Similarweb gibt überhaupt keine Daten an, ist das schon seltsam. Aber Similarweb ist teilweise extrem falsch. Eine Fehlerquote um den Faktor 3 ist nicht selten. Auch bei mir: ich habe tatsächlich etwa 40 bis 50.000 UV, angezeigt werden aber etwa 110.000.UV. Mann, wie könnte ich die Agenturen da über den Tisch ziehen. Von andern Blogs mit.ähnlicher Reichweite (teilweise selbst auf GA gesehen) weiss ich, dass es nur 10.000 UV anzeigt. Ich wäre also sehr vorsichtig, von den kaum belastbaren Zahlen von Similarweb auf den Zustand der Szene zu schliessen…

  5. Einen schönen guten Tag und herzlichen Dank für diesen sehr informativen und interessanten Beitrag. Ich bin eine Testerin / Bloggerin mit inzwischen 2 Freundinnen auf meinem Blog und da wir uns weiter entwickeln möchten sind Deine Worte für mich/uns sehr wichtig. Auch kannte ich z.b. Similarweb noch nicht, sehr spannend. Ich sehe wir sind noch sehr unerfahren in unseren SEO und mehr – Einstellungen zu unseren Postings, bisher hatten wir auch noch nicht wirklich nachgesehen wie unser Ranking ist. Ich werde noch viel lesen und lernen dürfen. Herzliche Grüße und nochmals Danke, Grüßle Emma

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